Zurück in der Notaufnahme

Heute hatte ich nach einem halben Jahr – abgesehen von ein paar Tagen an Weihnachten – meinen ersten Dienst zurück in der Notaufnahme.

Das letzte halbe Jahr habe ich im Rahmen meiner Weiterbildung in der Anästhesie und auf der Intensivstation verbracht. Es war eine wertvolle Zeit, ich habe unglaublich viel gelernt. Und trotzdem bin ich jetzt auch wieder froh, „zu Hause“ zu sein.

Ich finde, wenn man zu 100 % arbeitet, darf man seinen Arbeitsplatz schon auch ein Stück weit als Zuhause bezeichnen – zumindest in der Pflege. Wobei bei uns „Lifestyle Teilzeit“ manchmal auch das Einzige ist, was hilft, um langfristig durchzuhalten. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist Samstagnacht. Und sie beginnt, wie Samstagnächte eben beginnen: unruhig, voll, angespannt. Viele Patienten, wenig Geduld – und leider auch immer wieder Unverständnis oder Unverschämtheit.

Wir hatten zwei Patienten mit einer Synkope. Eine Synkope ist eine kurze Ohnmacht, bei der man plötzlich das Bewusstsein verliert und meist nach wenigen Sekunden von selbst wieder aufwacht. In den meisten Fällen ist sie harmlos und hat keine weiteren Folgen – so auch bei unseren Patienten heute Nacht. Das haben wir auch mehrfach erklärt.

Zu Beginn meiner Schicht waren fünf Patienten gleichzeitig da – aber nur ein Arzt. Darunter auch die beiden mit Synkope. Wir haben die anderen Patienten zügig versorgt, doch dann kamen nahezu gleichzeitig zwei Patienten mit Verdacht auf einen Schlaganfall in die ZNA.

Und ja – diese Patienten gehen vor. Das muss man eigentlich nicht erklären.

Aber offensichtlich nicht für alle.

Am Ende sind beide Synkopen-Patienten ohne weiteren Arztkontakt einfach nach Hause gegangen.

Was soll man dazu sagen – außer: Dann kann es wohl nicht so schlimm gewesen sein.

Denn es ist leider oft so:

Die lautesten Beschwerden kommen selten von den Schwerkranken.

Die, die wirklich ernsthaft krank sind, liegen oft still da. Warten. Sagen nichts.

Das eigentliche Problem ist nicht, dass Menschen sich beschweren. Das gehört zum Menschsein dazu.

Das Problem ist die Menge. Die Dauer. Die Wiederholung.

Es ist das tägliche Nörgeln, das an einem kratzt.

Wir sind auch nur Menschen.

Wir lassen niemanden absichtlich warten, um irgendeine sadistische Ader zu befriedigen. Wir priorisieren – objektiv, nach Fakten, nach medizinischer Dringlichkeit.

Heute kann ich das gut wegstecken.

Vielleicht, weil ich lange nicht hier war. Vielleicht, weil ich mich wirklich freue, wieder da zu sein.

Aber was ist in zwei Wochen, wenn jeder Dienst so läuft?

Oder schlimmer?

Denn – und das wissen wir alle – schlimmer geht immer.

Inzwischen sind alle Patienten versorgt.

Noch zwei Stunden bleiben.

Mal sehen, was der liebe Notfallgott noch für uns bereithält.


Geschichten die es nicht geben sollte – Zwischen Warten und Wirklichkeit

Es war Sommer, es war heiß. Ich hatte Spätdienst – einer dieser Tage, an denen die Hitze in den Fluren steht und die Zeit zwischen den Patienten verschwimmt. Viele dieser Dienste gleichen sich. Doch dieser gehört zu den Geschichten, die es eigentlich nicht geben sollte.

Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen ins Krankenhaus. Manche verstehen unser Gesundheitssystem nicht oder kommen aus Ländern, in denen das Krankenhaus die erste und einzige Anlaufstelle ist. Andere kommen, weil es bequemer erscheint, ein paar Stunden zu warten, statt sechs Wochen auf einen Facharzttermin. Wieder andere wissen sich schlicht nicht mehr zu helfen. Und dann gibt es jene, die nie zum Arzt gehen – bis der „komische“ Schmerz in der Brust stärker wird und Angehörige sie schließlich doch in die Notaufnahme drängen.

Gerade diese letzte Gruppe gehört häufig tatsächlich zu uns – mit ernsthaften Diagnosen wie einem Herzinfarkt, einer perforierten Appendizitis oder schweren Verletzungen. Zum Glück sind solche Fälle seltener als die vielen weniger dringlichen Anliegen.

Unsere Aufgabe als Pflegekräfte ist es, genau hinzusehen: die Dringlichkeit richtig einzuschätzen, Patienten korrekt zu triagieren und schnell zu versorgen, damit niemand mit einem Notfall stundenlang im Wartezimmer sitzt. Dafür sind wir ausgebildet – vorausgesetzt, es ist genügend Personal da.

An diesem Spätdienst wären wir ursprünglich gut besetzt gewesen. Doch auch wir sind nur Menschen. Krankheit, familiäre Notfälle oder andere unvorhersehbare Ereignisse führen schnell dazu, dass ein Dienst kippt. Warum wir an diesem Tag unterbesetzt waren, weiß ich nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle. Wir waren zu wenige.

Das Krankenhaus war voll. Die Notaufnahme platzte aus allen Nähten. Es gab keine freien Tragen mehr, keine freien Stühle. Eine Klimaanlage existierte nicht, und selbst die Becher am Getränkeautomaten waren leer. Die Stimmung im Wartezimmer war kurz davor zu eskalieren. Wir liefen, versorgten Patienten im Minutentakt – und ja, solche Dienste gibt es. Man weiß: Der nächste wird vermutlich besser.

Doch an diesem Abend kam der Wendepunkt.

Mitten im Trubel klingelte mein Telefon. Die Verbindung brach ab, es klingelte erneut. Eine Mobilnummer – meist ein Hinweis auf den Rettungsdienst. Der Empfang war schlecht, doch einzelne Worte drangen durch: „Notärztin … Wald … Mountainbike …“

Ich informierte sofort die diensthabende Ärztin und meine Kollegin. Wir wussten nicht, was uns erwartete.

Kurz darauf wurde ein Jugendlicher eingeliefert, der mit dem Mountainbike gestürzt war. Zunächst wirkte er stabil. Doch innerhalb weniger Minuten verschlechterte sich sein Zustand dramatisch – und das in einer ohnehin angespannten, überfüllten Notaufnahme.

Mein Team arbeitete hochprofessionell. Jeder Handgriff saß. Der junge Patient wurde schließlich in eine größere, spezialisierte Klinik verlegt. Auch die Eltern wurden in dieser Ausnahmesituation begleitet und betreut, so gut es möglich war.

Doch in diesem Text geht es nicht vorrangig um diesen Jugendlichen. Ich hoffe von Herzen, dass er vollständig genesen ist – Rückmeldungen erhalten wir in solchen Fällen selten.

Es geht vielmehr um das, was im Wartezimmer oft unsichtbar bleibt. Viele Patientinnen und Patienten wissen nicht, was sich hinter den Türen der Behandlungsräume abspielt. Sie sehen nicht die Notfälle, die innerhalb von Sekunden alle Ressourcen binden. Sie sehen nicht die Entscheidungen, die unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Und sie sehen nicht, dass wir in 99 Prozent der Fälle weder Kaffee trinken noch plaudern – sondern Leben retten.

Natürlich neigen wir Menschen dazu, das eigene Leid als das dringendste zu empfinden. Schmerzen, Angst und Unsicherheit lassen wenig Raum für Verständnis. Das ist menschlich. Doch auch wir im medizinischen Bereich sind Menschen. Auch wir sind müde, angespannt, manchmal überfordert. Und dennoch geben wir alles.

Vielleicht hilft dieser Blick hinter die Kulissen, ein wenig mehr Verständnis füreinander zu entwickeln. Denn am Ende sitzen wir alle im selben Boot – wartend, hoffend, handelnd. Und jeder von uns tut, was er oder sie in diesem Moment kann.


Frühling beginnt nicht draußen – sondern in uns

Wenn es nur noch regnet, kalt und windig ist, scheint es manchmal nicht nur draußen in der Natur grau und aussichtslos – sondern auch tief in einem drin.

Man fühlt sich schlapp, antriebslos, und die Motivation hat sich vermutlich auf die Malediven verabschiedet.

Es gab Winter, in denen ich tief in diesem Loch saß. Seit etwa zwei Jahren gibt es dieses Loch in dieser Form bei mir nicht mehr. Natürlich existieren sie noch – diese Tage, an denen man sich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen möchte und der einzige Ausweg aus einer ordentlichen Portion Schokolade und einem Serienmarathon zu bestehen scheint.

Und ich glaube, solche Tage kennt jede Frau. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Manchmal gebe ich dem Ganzen nach und gönne mir bewusst eine Pause. Aber in den meisten Fällen heißt es: aufstehen, Krone richten – und durchkämpfen.

Seit ein paar Tagen fühlt es sich jedoch so an, als wäre der Frühling bei uns angekommen – und mit ihm meine Motivation. Der Plan für den Frühjahrsputz steht. Umsetzen muss ich ihn zwar selbst, denn auch künstliche Intelligenz schrubbt keine Fußleisten, aber allein das Planen bringt schon Energie.

Spaziergänge und Eisessen gehören plötzlich wieder zur Tagesordnung. Und irgendwie fühlt sich alles leichter an.

Das beste Beispiel ist der Weg vom Parkhaus zur Schule – ungefähr einen Kilometer lang. Im Winter ist er für mich einfach nur grau, kalt und nass. Diese Woche jedoch freue ich mich morgens auf diesen Weg. Obwohl er sich eigentlich nicht verändert hat.

Außer vielleicht durch Vogelgezwitscher, kleine Blümchen am Rand und ein bisschen Sonne im Gesicht.

Vielleicht liegt es genau daran.

Vielleicht verändert sich nicht immer der Weg – sondern unsere Perspektive darauf.

Und vielleicht ist Frühling gar keine Jahreszeit, sondern ein Gefühl.

Und wenn das nächste graue Tief kommt, weiß ich:

Irgendwo wartet schon wieder ein Stück Sonne.


Weiter machen ist keine Stärke. Es ist eine Entscheidung

Während andere schlafen, arbeite ich.

Und während ich arbeite, versuche ich nebenbei eine Fachweiterbildung zu stemmen, die mich fordert – fachlich, zeitlich und manchmal auch emotional. Sie fordert aber nicht nur mich, sondern auch mein ganzes Umfeld.

Wenn ich ehrlich bin, würde ich sagen, dass ich nicht angefangen hätte, wenn ich gewusst hätte, wie viel Arbeit das alles ist. Wie viel Zeit, Nerven und ja, auch Tränen mich diese Weiterbildung kostet.

Aber ich bin eine Person, die das, was sie anfängt, auch beendet – am liebsten natürlich erfolgreich.

Schon in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin wurde mir am Ende der Probezeit mitgeteilt, dass ich das nicht schaffen würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Ich habe durchgezogen. Eventuell mit leichtem Druck meiner Mutter – aber heute, zehn Jahre später, bin ich ihr dankbar. Und nicht nur dafür.

Zehn Jahre nach der Ausbildung noch einmal lernen. Ich sitze teilweise im Unterricht und denke:

Keine Ahnung, wie ich das in mein Gehirn bekommen soll?!

Auf der anderen Seite weiß ich inzwischen, wie ich lernen muss. Tatsächlich musste ich erst 30 Jahre alt werden, um zu lernen, wie ich lernen muss.

In dieser Weiterbildung lerne ich nicht nur viel über Medizin, sondern auch über mich selbst. Bereits nach einem Jahr bemerke ich eine Weiterentwicklung an mir, die ich so nicht erwartet hätte.

Das Rauslösen aus meinem Safe Space Notaufnahme und der Einsatz in verschiedenen neuen Bereichen haben mir neues Selbstvertrauen geschenkt.

Im letzten Jahr habe ich sehr interessante Tage auf dem Rettungswagen verbracht und einige Wochen in der Anästhesie. Dort habe ich die Narkoseeinleitung und den Umgang mit den entsprechenden Medikamenten gelernt.

Aktuell bin ich auf der Intensivstation und lerne jeden Tag mehr – werde aber auch immer wieder auf die Probe gestellt. Nicht nur in meinem medizinischen Wissen, sondern auch im Umgang mit schwierigen Situationen. Manche davon fallen unter meine persönliche Lieblingskategorie:

„Geschichten, die es nicht geben sollte.“

Vielleicht schreibe ich darüber irgendwann ein Buch mit genau diesem Titel. Wenn ich dann mal Zeit habe.

Zeit – Zeit zu haben oder sich Zeit zu nehmen für Aktivitäten außerhalb des Krankenhauses oder abseits vom Schreibtisch ist aktuell schwierig. Manchmal fällt mir gar nicht auf, wie lange ich mein soziales Umfeld vernachlässigt habe, bis ich den Chat mit meiner besten Freundin öffne und bemerke:

Fuck, wir haben zuletzt vor sechs Tagen geschrieben.

Oder sie mir morgens einfach random schreibt: Ich vermisse dich.

Das ist verdammt hart. Zumal sie aktuell selbst eine Freundin braucht, wegen ihrer eigenen Situation.

Das Einzige, was ich tatsächlich einigermaßen hinbekomme, ist mein Schlaf. Denn wenn ich nicht schlafe, werde ich krank – das war bei mir schon immer so. Aber auch das musste ich erst auf die harte Tour lernen. Und manchmal ignoriere ich diese Tatsache bis heute.

Ach so, und meinen Mitbewohner gibt es ja auch noch. Alias Freund, Mann, Lebenspartner.

Kommenden Montag steht die nächste Klausur an. Ganz treu unserem Motto: „Es könnte ja witzig werden“ – was wir übrigens meinem besten Freund zu verdanken haben, aber dazu ein anderes Mal mehr – werden wir den kommenden Sonntag angehen.

Der letzte Leistungsnachweis, eine mündliche Prüfung, verlief so:

Sie war bei mir auf einen Dienstag gegen Mittag angesetzt. Montagabend? Drama. Heulen. Versagensangst. Aussagen wie:

Ich breche alles ab. Ich bin dumm. Ich schaffe das nicht. Ich habe nicht gelernt.

Das volle Programm.

Also gut. Nächster Tag. Ich fahre zur Schule. Zittrig. Übelkeit.

Zu Beginn jeder Prüfung kommt die Frage aller Fragen:

„Fühlen Sie sich fähig, diese Prüfung durchzuführen?“

In meinem Kopf schreit alles: NEEEEEIN.

Aus meinem Mund kommt brav ein „Ja“.

Danach heißt es: Ooookay, let’s go.

Fallbeispiel ziehen, einmal laut lesen und dann am besten die ganze Zeit reden.

Was man vor einer mündlichen Prüfung gerne vergisst: Die Prüfer sind nicht deine Feinde. Im besten Fall stellen sie die Fragen so, dass du selbst auf die Antwort kommst – auch wenn du gerade nicht daran gedacht hast oder dich völlig darauf festbetoniert hast.

Egal. Die zehn Minuten sind in der Regel schneller vorbei als ein Wimpernschlag. Danach kurz raus und warten. Rational betrachtet dauert das gar nicht lange.

Im Anschluss habe ich meine Note bekommen. Sie war gut. Und mir fiel ein ganzes Kieswerk vom Herzen.

Natürlich habe ich meinen Freund angerufen:

„Sei jetzt bitte nicht sauer, aber ich hab ’ne Zwei.“

Nach einem kurzen Lachen und einem „Ich hab’s doch gesagt“ war das Gespräch beendet.

Das Schlimme ist: Er hat bei solchen Dingen meistens – wenn nicht sogar immer – recht. Aber dieses Recht-haben-zwischen-Männern-und-Frauen ist eine ganz andere Geschichte.

Was ich damit sagen will: Es kostet vermutlich auch einiges an seinen Nerven. Aber so bin ich nun mal. Und das ist auch gut so. Wir kennen uns seit vielen, vielen Jahren – und wussten beide, worauf wir uns einlassen.

Das Wichtigste ist aber, dass ich mich auch in dieser stressigen Zeit immer auf ihn verlassen kann. Er unterstützt mich, wo er kann. Auch beim Abfragen – obwohl er keine Ahnung von Medizin hat. In seinem Beruf herrscht zwar auch Spannung, aber auf eine ganz andere Art.

Dieses Jahr wird hart. Aber ich denke, es wird gut.

Ich versuche, positiv zu bleiben und mir zu sagen: Ich schaffe das.

Schließlich bin ich seit meiner Mofaprüfung durch keine Prüfung mehr gefallen – durch die allerdings gleich zweimal.

Und am Ende dieses lernfreudigen Abenteuers werde ich mich Fachpflegekraft für Notfallpflege nennen dürfen.

Und dann fliehe ich erstmal für drei Wochen in die Karibik.