Zwischen Fledermäusen und 5- Uhr ACS

Nachtdienst … er ist irgendwie normal, denn er gehört dazu – und trotzdem ist er jedes Mal etwas Besonderes. Genau wie dieser Job.

Du bist wach, während die anderen schlafen. Und du schläfst, während die anderen arbeiten.

Morgens, wenn du nach Hause fährst, ist das mit Abstand das beste Gefühl – denn du kannst dir sicher sein, dass die meisten, die dir entgegenkommen, gerade zur Arbeit fahren. Der Montagmorgen ist dabei natürlich das i-Tüpfelchen.

Denn während alle sich freuen würden, wieder ins Bett zu dürfen, darfst du jetzt wirklich ins Bett.

Wer noch nie nachts in einem Krankenhaus war, kann das kaum nachvollziehen. Ein Krankenhaus am Tag ist etwas völlig anderes als eines in der Nacht.

Ein paar Beispiele: Wenn ich mehrere Nächte am Stück arbeite, weiß ich irgendwann genau, welcher Patient zu welcher Uhrzeit nachts rauchen geht – man trifft sich regelmäßig auf dem Gang.

Oder eine Erkenntnis aus meiner Zeit auf der Normalstation: Es gibt Radiosender, die Nacht für Nacht dieselbe Playlist spielen. Irgendwann weißt du genau: Nach „Barbie Girl“ beginnt der nächste Rundgang. Du schaust nicht mehr auf die Uhr, um zu wissen, dass es 1 Uhr ist – du hörst es am Lied.

Und dann gibt es bei uns den sogenannten „5-Uhr-ACS“.

Zur Erklärung: Ein ACS – Akutes Koronarsyndrom – ist ein medizinischer Sammelbegriff für plötzliche Herzprobleme, bei denen das Herz nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird.

Dieser „5-Uhr-ACS“ kommt gefühlt immer dann, wenn entweder die ganze Nacht die Hölle los war und du dich gerade fünf Minuten setzen konntest – oder wenn es die ganze Nacht ruhig war und der Arzt schläft.

In den letzten zwei Jahren hatte ich tatsächlich eine Patientin mit einem echten Herzinfarkt. Die übrigen Fälle bestätigten sich nicht – dennoch wird natürlich jeder einzelne ernst genommen und sorgfältig untersucht.

Nachts im Krankenhaus hörst du alles. Jedes Knarren, jedes Quietschen, denn es ist still, eine besondere Stille ist das.

Ich erinnere mich noch an einen Nachtdienst während meiner Ausbildung. Es war Sommer, alle Fenster standen offen. Plötzlich hörten wir Flügelschlagen – und zwar nicht nur von einem Tier. Als wir auf den Gang liefen, flog eine ganze Gruppe Fledermäuse durch die Station. (Das war übrigens Jahre vor Covid-19.)

Solche Dinge passieren tagsüber einfach nicht.

Und was passiert nach dem Nachtdienst?

Eigentlich sollte man schlafen. Aber auch das funktioniert nicht immer so, wie es soll.

Ohne Kinder habe ich es dabei eigentlich sehr einfach. Wenn ich nicht gerade am Wochenende arbeite oder mein Freund Urlaub hat, ist die Wohnung leer, wenn ich nach Hause komme.

Es gibt Menschen, die sich nach dem Dienst noch gemütlich zum Frühstück hinsetzen oder sogar den Haushalt machen. Das gibt es bei mir nicht. Manchmal weiß ich nicht einmal, ob ich das Auto nach Hause gebracht habe – oder ob das Auto mich. Da hilft nur: Fenster auf und Musik auf voller Lautstärke.

In der Regel verschwinde ich kurz ins Bad und lege mich dann direkt hin. Meist ziehe ich mir etwas Wärmeres an, setze meinen Gehörschutz ein und warte auf den Schlaf – der nicht lange auf sich warten lässt.

Bis sich zwischen 10:00 und 10:30 Uhr meine Blase meldet. Jeden Morgen. Immer. Ich könnte mir danach den Wecker stellen.

Ist das erledigt, klappt es meist noch einmal für ein paar Stunden.

Das Aufstehen wird zelebriert – oder eher verlangsamt. Besonders im Winter liebe ich es, noch eine Weile bei offenem Fenster im warmen Bett zu liegen. Danach geht es auf Nahrungssuche und im besten Fall direkt auf die Couch.

Worst Case: Ich habe mir einen Termin gelegt, bei dem ich noch dachte: „Das schaffst du schon.“

Ich schaffe das auch. Aber ein Tag ohne Termine – oder gleich mehrere während eines Nachtdienst-Blocks – ist Gold wert. Wenn du dich um nichts kümmern musst außer: Was esse ich? Und welche Serie schaue ich jetzt?

Das ist der Teil, den ich liebe.

Zur Hassliebe gehört natürlich auch die Schattenseite: trockene Haut und Lippen, grundsätzlich zu wenig getrunken, abends das Haus verlassen müssen, obwohl die Couch ruft – und vielleicht auch der Partner ein wenig traurig schaut. Das gehört nicht zur Sonnenseite des Lebens.

Aber manchmal denke ich: Mit dem Nachtdienst ist es wie mit dem Fitnessstudio. Eigentlich hat man keine Lust. Aber wenn man dort ist, ist es doch ganz gut. Und nach ein paar Mal tut es auch nicht mehr weh.

Mein Motto: Nach drei Nächten ist sowieso alles egal – da gehen auch noch drei weitere.

Diesen Wahnsinn von sechs Nächten am Stück habe ich mir übrigens im April selbst auferlegt. Und auch wenn ich es irgendwie verrückt finde, freue ich mich ein kleines bisschen darauf.

Denn Nachtdienst ist mehr als Arbeiten im Dunkeln.

Er ist ein eigener Rhythmus. Eine eigene Welt. Und irgendwie auch ein kleines Stück Zuhause.