Warum Perfektion uns nicht glücklicher macht

Viele Menschen träumen vom perfekten Zuhause, der perfekten Küche, dem perfekten Haushalt – so, wie wir ihn zuhauf in den sozialen Medien zu sehen bekommen.

Doch was macht das eigentlich mit uns?

Erst letztes Wochenende hatten wir ein Gespräch mit Freunden. Wir saßen nach einem sehr witzigen Abend gemeinsam bei einer Fast-Food-Kette, als das Thema „verdrehte Welt in Social Media“ und die Auswirkungen auf Jugendliche und Kinder aufkam. Es wird dort eine Realität vorgelebt, die mit dem echten Leben oft wenig zu tun hat. Keine 14-Jährige braucht Make-up im Wert von mehreren hundert Euro oder ausschließlich Markenkleidung. Und auch wir als Erwachsene brauchen keinen perfekten Haushalt, keine perfekte Garage oder einen perfekt eingerichteten Hobbyraum.

Trotzdem wird uns genau das permanent vor Augen geführt.

Unser Fazit an diesem Abend war: Für Jugendliche muss es unglaublich schwer sein, sich davon abzugrenzen oder überhaupt noch zu erkennen, wo die Grenze zwischen Realität und Social Media verläuft.

Vielleicht geht es gar nicht darum, schöner zu wohnen oder perfekter auszusehen – sondern leichter zu leben.

Aber ehrlich gesagt fällt mir das auch selbst nicht immer leicht. Wenn ich perfekte Wohnungen sehe, perfekt organisierte Schränke oder makellose Haare, merke ich, wie schnell Vergleiche entstehen.

Ein Beispiel: Ich habe viele Videos zum Thema Haarverdichtung gesehen. Da ich selbst sehr feines Haar habe, dachte ich irgendwann: Mensch, das lasse ich auch machen. Dass diese Haarverdichtung alles andere als günstig ist, erzählt einem allerdings niemand. Also war ich bei einer Beratung bei einem Friseur, den mir eine Freundin empfohlen hatte.

Das Fazit: Ich laufe nach wie vor mit sehr feinem Haar herum – und inzwischen bin ich fein damit. Denn alle sechs bis acht Wochen rund 200 Euro beim Friseur zu lassen, sehe ich für mich nicht ein. Das bin ich nicht. Es gibt Dinge, die mir wichtiger sind.

Zum Beispiel eine perfekte Wohnung einzurichten.

Nein – Spaß. Genau das möchte ich nicht mehr.

Nicht mehr?

Ja. Denn ich hatte sie einmal: meine „perfekte“ Wohnung, meine perfekte Küche. Sehr groß, ein großes Wohnzimmer, eine große offene Küche mit Kücheninsel – ideal für schöne Buffets, wenn Gäste da sind. Dazu ein großer Garten.

Aber all das musste auch immer perfekt aufgeräumt und geputzt sein. Besonders die zwei großen Fensterfronten, vor allem, wenn die Sonne hineinschien.

In dieser Traumwelt, in dieser wunderschönen Wohnung, lebte ich etwa eineinhalb Jahre. Dann änderte sich mein ganzes Leben.

Heute – fast zweieinhalb Jahre später, nachdem ich diese Wohnung und dieses Leben verlassen habe und rund 400 Kilometer weiter weg neu angefangen habe – weiß ich: Das alles hätte mich irgendwann aufgefressen. Vielleicht kaputt gemacht. Vielleicht sogar in ein Burnout geführt. Möglicherweise war ich schon auf dem Weg dorthin und habe es einfach nicht gemerkt.

Diese Situation lag nicht nur an der Wohnung, sondern auch an anderen Menschen, über die ich hier nicht weiter schreiben möchte. Denn es gab nicht nur schlechte Zeiten, sondern auch schöne.

Ich muss allerdings ehrlich zugeben, dass ich einen ausgeprägten Ordnungs- und Putzfimmel habe. Wenn in meinem Zuhause Chaos herrscht, herrscht es auch in meinem Kopf: Unruhe, Unmut, Zerfall. Woher das kommt, kann ich nicht genau sagen.

Dabei war mein Kinderzimmer – und später auch mein Zimmer im Schwesternwohnheim – eher ein Schlachtfeld. Meine Mutter kann das vermutlich bestätigen. Seit ein paar Jahren jedoch fällt es mir zunehmend schwer, Unordnung auszuhalten. Den genauen Zeitpunkt kann ich gar nicht benennen.

Heute lebe ich in einer schönen Wohnung. Nicht zu groß, nicht zu klein  Mit einer kleinen Küche, die nicht perfekt ist – und das ist okay denn sie ist voller Liebe. Wir machen das Beste daraus. Es ist okay, wenn das Geschirr stehen bleibt. Die Küche hat eine Tür, ich kann sie schließen und mich entspannt aufs Sofa legen. Auch das kann ich inzwischen besser.

Letzte Woche war ich besonders stolz auf mich: Ich habe mich morgens einfach hingesetzt und gelernt – ohne vorher die Wohnung aufzuräumen. Ja, sogar ohne das Bett zu machen. Zum Glück hat das meine Oma nicht gesehen.

Sie verlässt den zweiten Stock ihres Hauses morgens niemals, ohne dass das Bett gemacht ist. Diese Angewohnheit habe ich mir Anfang zwanzig angewöhnt, als ich eine Zeit lang bei ihr gewohnt habe. Denn mit 20 möchte man keinen Anschiss mehr von der Oma bekommen – nur weil das Bett nicht gemacht ist.

Was ich damit sagen möchte: Es gibt wichtigere Dinge im Leben als eine schöne, perfekte Küche. Denn nicht die perfekte Küche macht satt – sondern das Leben, das darin Platz hat.

Und vielleicht erkennt man das erst später. Wenn man dann trotzdem immer noch das Beste aus dem macht, was man hat, ist alles gut.

Ich träume nach wie vor davon, irgendwann wieder eine „perfekte“ Küche zu haben – gar keine Frage. Aber ich habe gelernt, dass sich auch in jeder anderen Küche gutes Essen, leckere Torten und gutes Sauerteigbrot zubereiten lassen.

Wichtiger ist, glücklich zu sein, mit sich selbst im Reinen zu sein und geliebt zu werden.


Warum mich Unordnung nervöser macht, als ein voller Dienst

Wenn ich aktuell an unsere Wohnung denke, so wie sie jetzt gerade aussieht, werde ich nervös. Das ist ein Zustand, der mich an mir selbst stört.

Ich sitze hier gerade in der Mittagspause in der Schule, für meine Fachweiterbildung. Die Mittagspause geht 60 Minuten – 60 Minuten, in denen ich meine Wohnung aufräumen, ordnen und teilweise auch putzen könnte. Aber nein, ich sitze hier und schreibe diesen Text. Diesen Text schreibe ich, um mich selbst zu beruhigen. Um mir zu beweisen, dass ich nicht ganz „nutzlos“ herumsitze.

Die Unordnung in unserer Wohnung stört eigentlich niemanden, denn es ist niemand zu Hause. Und trotzdem ist mein Inneres unruhig.

In der letzten Woche habe ich mich gezwungen, nur das Nötigste zu machen. Das Meiste hat mein Freund erledigt, wofür ich ihm sehr dankbar bin, denn er weiß, wie sehr mich das stört.

Ich versuche, an diesem Problem zu arbeiten – teilweise sogar ziemlich erfolgreich. Manchmal gebe ich meinem inneren Monk nach und lasse ihn herrschen.

Da ich heute Morgen eine Klausur geschrieben habe, werde ich heute Nachmittag das Chaos beseitigen. Mein Inneres sieht das als Belohnung an. Ich weiß nicht, ob das so „richtig“ ist, aber in der Regel fühlt es sich gut an.

Dennoch muss ich zugeben, dass es sich oft besser anfühlt, es selbst zu tun.

Ganz anders ist es jedoch in der Notaufnahme. Auch dort muss eine gewisse Ordnung herrschen. Aber wenn der Dienst voll ist und es viel zu tun gibt, kann ich meinen „Monk“ problemlos im Spind lassen und setze die richtigen Prioritäten.

Priorität ist hier die Patientenversorgung. Natürlich wird zwischendrin aufgeräumt: Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, werden weggeräumt oder entsorgt. Aber es gibt keinen Zwang. Es ist Routine. Normalität.

Ein weiterer Punkt ist, dass das Chaos dort eigentlich keine Unordnung ist, sondern ein – vielleicht erhöhtes – Patientenaufkommen. Und dieses Aufkommen bearbeiten wir gemeinsam als Team. Ich kann also aktiv etwas tun.

Meine Patienten, die auf dem Gang liegen, sehe ich glücklicherweise nicht als Unordnung. Wobei ich zugeben muss: Die Tragen, auf denen sie liegen, müssen schon in die richtige Richtung schauen. Das hat medizinische Gründe. Ich möchte meinen Patienten, wenn ich kurz vorbeilaufe, ins Gesicht schauen können. Ich möchte sehen, ob den Umständen entsprechend alles okay ist.

Leere Tragen hingegen müssen ordentlich hergerichtet sein. Diesen Zwang habe allerdings nicht nur ich – den haben wir fast alle im Team. Und das ist irgendwie auch ganz witzig.

Vielleicht geht es also gar nicht um Ordnung oder Unordnung.

Sondern darum, wo ich gerade Halt suche – und wo ich ihn ganz selbstverständlich habe.

Zu Hause geht es um Kontrolle über mein Inneres.

In der Notaufnahme um Verantwortung für andere.

Und vielleicht darf genau das nebeneinander existieren, auch wenn es sich manchmal widersprüchlich anfühlt.